Predigt zum Sonntag Laetare

Liebe Gemeinde, liebe Mitmenschen,

in diesen Tagen der Coronakrise können wir uns nicht zum Gottesdienst versammeln. Zum Glück gibt es seit Langem Fernseh- und Rundfunkgottesdienste, auch Andachten auf Youtube im Internet und jetzt sogar aus Nürnberg St. Lorenz. Auch auf dieser Website sollen Sie hin und wieder von uns hören. Der Sonntag soll doch wenigstens durch ein paar geistliche Gedanken, Bibelworte und Gebete als solcher erkennbar sein.

Darum nachfolgend ein paar Gedanken zu einem Bibelwort, das zum Sonntag Lätare am 22. März gehört:

Christus spricht:  Ich bin das Brot des Lebens. (Johannes 6,48)

Welchen Wert Brot hat, merkt man oft erst, wenn man anderes weglässt.

Darum fasten Menschen. Erst wenn der Braten und die Beilagen, wenn der Kuchen und die Schokolade fehlen, erfährt man, was Brot ist, wie es schmeckt und wie es nährt. Wenn man nur das schlichte Brot isst, gewinnt man eine neue Aufmerksamkeit für das, was man da isst, wie das Brot wirklich schmeckt, wie sie sich anfühlt, was in ihm steckt.

Was Brot des Lebens ist, merkt man oft erst, wenn alles fehlt, das man sonst für unentbehrlich hielt.

Manchmal werden uns Menschen Fastenzeiten auferlegt im wörtlichen und übertragenen Sinn. Es wird uns etwas weggenommen, ohne das wir glaubten, nicht leben zu können. Manchmal ist es einfach etwas sehr Liebgewordenes wie eine bestimmte Einkommensklasse, ein bestimmter gesellschaftlicher Erfolg. Manchmal sind es wirklich schmerzliche Verluste, ein naher Mensch stirbt, die Arbeit ist weg die Diagnose des Arztes lässt keine Hoffnung mehr zu. Alles, was das Leben ausmacht und lebenswert macht, ist dahin.

Gerade stecken wir alle weltweit in einer krisenhaften Situation. Der Corona Virus bedroht so vieles, das selbstverständlich zu unserem Leben gehörte an Tätigkeit und Zeitvertreib, an Konsum und Abwechslung, an Treffs und Begegnungsmöglichkeiten, an Sicherheit und Wohlstand.

In solchen Zeiten können wir herausfinden, ob es dennoch etwas gibt, das Leben gibt und uns hält und trägt. Ganz bestimmt sind solche Zeiten kein Zuckerschlecken. Ganz bestimmt wird auch kein gläubiger Mensch schnell und leicht damit fertig.

Aber wenn die gewohnte Sicherheit wegfällt, erkennt man auch, was übrig bleibt, das vielleicht verschüttet war, das man nicht beachtet hat. Oder man entdeckt zum ersten Mal, welche Kraft selbst über die Distanz in Beziehungen und Freundschaften steckt, wie ein Gebet trösten kann, welche Ressourcen man in sich selbst findet oder versteht, dass man sich schlicht Gott anvertrauen kann. Auf jeden Fall ist diese erzwungene Erfahrung auch eine Chance, Neues zu entdecken.

Brot des Lebens ernährt auch bei größtem äußeren Mangel.

Ich habe von einem Mann gelesen, der sich in der Kriegsgefangenschaft von dem einen Kanten Brot ernähren musste, den die Gefangenen pro Tag bekamen. Es war viel zu wenig, seine Kameraden litten bitteren Hunger, manche starben. Er aber teilte sich diesen Kanten Brot fein säuberlich ein und über jeden Bissen betete er. Er blieb gesund und überlebte.

Es sind nicht die Dinge allein, die satt machen und unser Leben erfüllen. Entscheidend ist, welche Bedeutung sie haben. Der Kriegsgefangene hat das kleine Brot wie ein Geschenk des Himmels betrachtet. Er hat es behandelt wie etwas Großes. Nur etwas Großes kann man teilen in Portionen und hat dann mehrere davon. Nur für ein Geschenk dankt man und spricht ein Dankgebet. Und so genügt wenig um den ganzen Menschen zu erfüllen, seinen Hunger zu stillen und ihn am Leben zu halten.

Durch diese Haltung der Dankbarkeit und Erwartung zu Gott erst erhalten alle Dinge ihren Wert. Dieser Dank zu Gott macht den Unterschied:

  • Ob ich irgendeinen Tag erlebe, und der Umgebung wenig Beachtung schenke, oder bewusst einen Frühlingstag erlebe und mich freue am Zwitschern der Vögel und den neuen Duft in der Luft einsauge.
  • Ob ich die Arbeit als Last erlebe oder spüre, wie gut es ist, eine Aufgabe zu haben und am Abend müde ins Bett fallen zu können.
  • Ob ich den gegenwärtigen Stillstand im Land bedrückend empfinde oder die frei gewordene Zeit mit etwas ganz Neuem und Anderem fülle.
  • Ob ich meine Existenzängste pflege bis zur Depression oder ob mich mit Gottvertrauen auf die Suche nach Lösungen mache.
  • Ob ich die Menschen um mich her als mehr oder weniger sympathisch wahrnehme oder als Helfer, Engel, Boten Gottes, durch die mir Gott etwas zuteilt.

Kann ich danken und auf Gott blicken, finde ich in allem Brot des Lebens.

Durch alle Dinge kann uns Gott anreden und Brot des Lebens geben.

Von einer anonymen Frau aus unseren Tagen, wahrscheinlich einer Inderin, stammt folgender Text, den sie an einen richtete, der ihr zu essen gab:

Jeden Tag um zwölf in der Mittagshitze kommt Gott zu mir in Gestalt von zweihundert Gramm Haferbrei. Ich spüre ihn in jedem Korn, ich schmecke ihn in jedem Löffel voll, ich halte Mahl mit ihm, wenn ich schlucke, denn er hält mich am Leben mit zweihundert Gramm Haferbrei. Ich warte auf den nächsten Mittag und weiß, dass er kommt. So kann ich hoffen, einen weiteren Tag zu leben, denn du hast Gott zu mir kommen lassen in zweihundert Gramm Haferbrei. Jetzt weiß ich, dass Gott mich liebt – und das verdanke ich nur dir, jetzt weiß ich, was du meinst, wenn du sagst, dass Gott diese Welt so liebt, dass er seinen geliebten Sohn gibt, jeden Tag durch dich.

Einer meiner Schüler erzählte mir, dass er Gott erlebt hat, als er traurig war und seine Katze zu ihm kam und mit ihm geschmust hat. Brot des Lebens – es kommt zu uns durch Nahrung oder durch Lebewesen, durch Gedanken oder durch die Buchstaben, die Druckerschwärze auf dem Papier der Bibel und auf unzähligen anderen Wegen.

Brot muss man essen, sonst ist es wirkungslos.

Das klingt banal, aber so ist es. Wer die Nase rümpft: „Das ist mir nicht gut genug, das schmeckt nicht, ich will lieber was anderes!“, der wird die Kraft des Brotes nicht kennen lernen. Brot muss man zerkauen, vielleicht schmeckt es anfangs nicht. Und dann muss es durch den ganzen Menschen hindurch, verdaut werden, es dauert bis die Kraft des Brotes in den Körper geht, bis das Hungergefühl im Magen nachlässt. Auch reicht es nicht, das Brot einmal zu essen. Man muss ja täglich wieder essen, immer aufs Neue, immer dasselbe Brot. Und erst nach langer Zeit erfährt man, dieses Brot hält mich am Leben.

Brot des Lebens, Wort Gottes, Glaube, Gebet, alltäglich, immer wieder. Mit der Zeit entfaltet es seine Nährkraft. Dieses Brot des Lebens bleibt uns, in jeder, auch der jetzigen Krise und ernährt uns.

Probieren Sie es aus!

Seien Sie herzlich gegrüßt und behüt‘ Sie Gott!

Pfarrerin Christine Rinka